„Der Spiegel“ brachte in einer seiner letzten Ausgaben die
Titelstory „Die Seuche Cannabis“ und vergaß bei den dazugehörigen Artikeln das
Recherchieren. Anders sind die vielen Fehler, die wenig logischen Rückschlüsse
und die populistischen Auswüchse nicht zu erklären.
Mit Populismus auf Leserfang
Den ganzen Artikel beherrscht nur ein Tenor: Finger weg von
Cannabis, du wirst damit dein Leben zerstören, du kommst in die Klapse, du
wirst zu anderen Drogen greifen und du wirst elendig verrecken. Um dies zu
untermauern, reitet „Der Spiegel“ auf Einzelschicksalen herum und hält es nicht
einmal für nötig zu erwähnen, wie häufig diese Einzelschicksale sind. Sie
suggerieren durchgehend, dass all die Probleme dieser Einzelfälle mit Cannabis
zu tun hätten und erwähnen nur im Nebensatz, dass alle anderen Drogen auch
konsumiert wurden. „Irgendwann schnupfte er Kokain“, aber das ist laut „Der
Spiegel“ weniger verantwortlich für den Absturz als Cannabis.
Personen, die sich für eine Legalisierung einsetzen, werden
nur hämisch erwähnt. Was sie wirklich fordern, wird nicht einmal erzählt. Das
Problem des Jugendschutzes und der vielen jungen Konsumenten erwähnen sie in
fast jedem Absatz. Dass aber, solange ein Verbot herrscht, auch kein
Jugendschutz gewährleistet werden kann, kommt nicht vor. Dass gerade im
Schwarzmarkt am wenigsten nach den Ausweisen der Käufer gefragt wird,
verschweigen sie ebenso. Und das die ganze Situation gerade während eines
Cannabis-Verbotes eskaliert, schien die Autoren nicht daran zweifeln zu lassen,
dass die Legalisierungs-Befürworter spinnen. Dass man, wenn eine Politik gegen
die Wand gefahren ist und gerade ihre gefährlichen Potenziale zeigt, Leute, die
einen alternativen Weg wollen, als Spinner und andere, die ein „Weiter wie
bisher“ wollen, als Experten darstellt, ist schon sonderlich.
Wissenschaftlich falsche Behauptungen
Wenn
es in dem „Spiegel“-Artikel um wissenschaftliche Untermauerung der besagten
Behauptungen geht, zeigen sich die größten Lücken. So muss das Blatt immer
wieder auf den umstrittenen Professor Thomasius zurückgreifen. Das dieser
jedoch nie zum Thema Cannabis geforscht, geschweige denn etwas dazu publiziert
hat, verschweigen die Redakteure. Auch die wissenschaftliche Qualifikation
dieses Mannes im Bereich der Extasy-Forschung ist mehr als nur umstritten. So
musste bei einer wissenschaftlichen Runde, die von der Drogenbeauftragten der
Bundesregierung einberufen wurde, zugegeben werden, dass Schädigungen durch
Extasy, wenn dann nur bei langem und dauerhaftem Konsum eintreten können und
nicht generell, wie es Thomasius davor behauptete. Der einzige Wissenschaftler,
der in dem ganzen Artikel auftaucht und tatsächlich schon fundiert und
grundlegend zu Cannabis geforscht hat, Herr Prof. Dr. Kleiber, wurde vom
Spiegel eher als Schwätzer und Verharmloser dargestellt.
Auch
die meisten aufgeführten Studien wurden von den Redakteuren falsch dargestellt.
So behauptete „Der Spiegel“ beispielsweise: „Bremer Forscher spritzten jugendlichen
und erwachsenen Ratten täglich den Wirkstoff THC, etwa so viel, wie ein Joint
enthält.“ Tatsächlich distanzierte sich sogar die Autorin der Bremer Studie, Frau Miriam
Schneider, schon vergangenen Oktober in einer E-Mail an www.cannabislegal.de davon. „Die
Interpretation, unsere Dosis entspräche einem Joint pro Tag, kommt so definitiv
nicht von mir und auch nicht von Prof. Koch.“, schrieb sie darin. Der gespritzte Stoff war auch nicht wie
geschrieben THC, sondern nur eine dem THC womöglich ähnliche Substanz (Win
55,212-2). Würde
man diese Substanz umrechnen, müsste ein Joint aus 3,6 Gramm Cannabis bestehen
– und der müsste dann auf einmal und schnell geraucht werden – denn es wurde ja
gespritzt.
Die altbekannte Hetze, dass das Gras viel
stärker und damit gefährlicher würde, taucht natürlich auch im
„Spiegel“-Artikel auf. Das aber die meisten davon ausgehen, dass damit die
gesundheitliche Gefährdung durch Cannabis geringer wird, da man weniger
konsumieren muss um die selbe Wirkung zu erreichen, verschwiegen die Autoren
gekonnt. Des Weiteren stimmt es zwar, dass immer wieder höhere THC-Werte
gemessen werden, doch alle Studien dazu, wie die der Europäischen Beobachtungsstelle für
Drogen und Drogensucht (EMCDDA), fanden „keine Hinweise auf einen bedeutenden
Anstieg des Wirkstoffgehalts“ in den meisten europäischen Cannabismärkten.
Fragwürdige
internationale Vergleiche
Auch
durch internationale Vergleiche versucht „Der Spiegel“, die Gefährlichkeit
einer Cannabis-Liberalisierung zu untermauern. So beschreiben sie, dass in dem
Hardlinerland Schweden prozentual weniger Menschen Cannabis konsumieren als in
den liberalen Niederlanden. Im Vergleich Deutschland–Holland wären es gleich viele
Konsumenten. Dass aber in Schweden mehr Menschen an Drogen sterben als in den
Niederlanden oder es sogar in München (eine Million Einwohner) genauso viele
Drogentote wie in besagtem Holland (16 Millionen Menschen) gibt, vergaß das
Blatt einfach zu erwähnen.
Prohibitionisten
sind Mörder
Was
„Der Spiegel“ mit diesem Artikel macht, ist meiner Ansicht nach gefährlich.
Wenn junge Cannabis-Konsumenten Absätze lesen wie: „Wenn solche Kiffer dann
auch noch Alkohol oder Extasy einwerfen, stürzen sie schneller ab als mit
Heroin“, muss man sich schon fragen, was sie wirklich wollen. Ist Kiffen
gefährlicher als Heroin? Sollen sich nun alle Konsumenten lieber die Spritze
setzen?
Der
„Spiegel“-Artikel hat Recht, wenn er aufzeigt, wie unsere Drogenpolitik
gescheitert ist. Aber mit der Feststellung „kann krank machen und im
schlimmsten Fall Karriere und Leben zerstören“ ist nichts geholfen. Denn nicht
die liberale Politik hat uns in dieses Verderben gestürzt, sondern die Prohibition.
Seit Jahrzehnten ist es keinem Kiffer möglich zu erfahren, wie stark und sauber
sein Gras ist. Seit Jahrzehnten kann kein Kiffer einfach um Hilfe bitten, da er
Angst vor der Polizei hat. Seit Jahrzehnten steigt in Deutschland die Menge der
konsumierten Drogen. Und das alles dank der Prohibition. Die einzigen Studien,
die bisher die Auswirkungen der Verbote untersucht haben (stammen aus Holland
und Kanada) verschweigt „Der Spiegel“. Aber es wäre ja der Panikmacherei nicht
gerade zuträglich gewesen, wenn man feststellen müsste, dass nach der größten
Heroin-Beschlagnahmung in Kanada der Preis für Heroin rapide sank und die
verfügbare Menge an Heroin in Kanada auf den höchsten Stand der besagten
Zehn-Jahres-Studie stieg.
Wer diesen Artikel liest und sich ein wenig mit der Materie
befasst hat, weiß, dass alle Argumente, die in dem „Spiegel“-Artikel aufgeführt
wurden schon längst widerlegt sind – nur dass die Autoren alle Gegenargumente
ausblendeten. Sowas nennt man dann Populismus – Journalismus ist das schon
lange nicht mehr.